Das Blaue Haus - Teil 2: Frau Merten

Am liebsten habe ich die Tagesschicht. Da bekommt man was von den Gästen mit. Das finde ich interessant und manche sind mir richtig ans Herz gewachsen. Am liebsten habe ich die Frau Merten. Sie kommt immer mittwochs, jede Woche. Gut, manchmal ist sie auch in Urlaub und meldet sich vorher ab für drei Wochen. Aber sonst – jeden Mittwoch. Die Frau Merten kommt um 17:00 Uhr, sie ist immer klasse angezogen. Aber nicht so drüber, wenn sie verstehen, was ich meine. Nicht so aufdringlich teuer, sondern einfach cool. Ich glaub sie hat ganz gut Geld, sie steckt mir auch immer etwas zu und lässt Trinkgeld auf dem Zimmer. Aber nicht von oben herab, sondern nett. Ich mag die Frau Merten. Ich versuche immer unten zu sein, wenn sie kommt. Sie sagt meistens erst mal etwas darüber, wie es bei uns riecht. Wusste gar nicht, dass es so viele verschiedene Gerüche gibt. Aber naja, die Frau Merten ist blind. Das macht aber nix, sagt sie selber auch. Für sie ist das halt wichtig mit riechen. Sie bringt regelmäßig eine Flasche mit Raumduft-Öl mit. Jeden Mittwoch versprühe ich es in Zimmer 427 und öffne dann das Fenster. Der blaue Teppich riecht schon nach dem Zeug. Aber die anderen Gäste finden es auch gut, denken, das ist ein Service von uns. Ich bin jetzt schon vier Jahre hier und seither kenne ich sie, die Frau Merten. Die Chefin sagt, dass sie schon länger zu uns kommt. Ich wüsste ja gerne, was dahintersteckt, aber ich frag nicht. Die Chefin sagt, das mit der Diskretion ist das Wichtigste. Wenn die Gäste erzählen möchten, okay, aber keine Fragen. Geht mich ja auch nichts an. Frau Merten erzählt nie was. Aber sie ist immer freundlich. Ich bringe ihr jedes Mal die Sandwiches und den Weißwein hoch. Sie ruft kurz an und bestellt immer das gleiche. Ganz schön langweilig. Dann bringe ich ihr die Sachen und wir reden ein bisschen. Sie hat so einen tollen knallroten Rollkoffer. Da hab ich mal gefragt, ob ich den anfassen darf. Ich dachte, der ist bestimmt total weich. War er auch und riecht wunderbar nach Leder. Die Frau Merten hat es halt mit den Düften. Der Mann ist immer später gekommen, meistens um 20:00 Uhr oder so. Ein oder zweimal waren sie auch bei uns unten essen, aber ich glaube sie werden nicht gerne zusammen gesehen. Waren ganz nervös. Der Mann gefällt mir und die beiden sind echt süß miteinander. Das passt schon bei denen. Da muss man nur beobachten, wie sie miteinander sind und sich berühren. Ich wüsste ja gerne was dahinter steckt, aber das geht mich alles ja nichts an. Die passen so gut, aber irgendwas passt dann wohl doch nicht. Sonst käme sie nicht zu uns. Das habe ich immer gedacht. Der Mann ist achtzehn Jahre jünger als die Frau Merten. Das dürfte ich eigentlich nicht wissen, aber ich habe mal im Gästebuch nachgesehen. Ich erzähls ja auch keinem. Die Frau Merten sagt, sie kommt so besonders gerne zu uns, weil hier alles so blau ist. Das hab ich nicht verstanden und schon mal zu ihr gesagt, das müsste ihr doch eigentlich egal sein, ob unser Teppich blau oder gelb ist oder wie jemand aussieht. Sie kann ja kaum noch was erkennen. Das ist mir so rausgerutscht, da hab ich mich entschuldigt. Aber die Frau Merten hat gesagt, das wäre ihr gar nicht egal. Sie weiß wie ihr Zimmer aussieht. Wie der Mann aussieht. Inzwischen auch wie ich aussehe. Die Frau Merten hat früher ganz normal gesehen. Ist eine Krankheit, den Namen habe ich vergessen. Ja, so ist das lange gewesen, aber irgendwann kam der Mann nicht mehr. Die Kollegin von der Frühschicht hat es mir erzählt, dass er nicht da gewesen ist an dem ersten Mittwoch. Und dann am nächsten Mittwoch auch nicht, und wieder nicht. Wir haben nichts gesagt, wegen der Diskretion und die Frau Merten hat auch nichts gesagt. Und die Frau Merten kommt weiter jeden Mittwoch. Alles blieb gleich. Nur am nächsten Tag, wenn das Zimmer aufgeräumt wird, sind die Sandwiches noch im Kühlschrank und der Weißwein. Nichts angerührt. Ich werfe ja ungern etwas zu essen weg, aber es ist jedes Mal so. Die Chefin verschenkt den Weißwein manchmal an Eine von uns. Das ist irgendwie total traurig, aber natürlich frage ich nicht, das geht mich ja auch nichts an. Die Frau Merten ist dünn geworden und stiller, aber nicht unglücklich irgendwie. Die Chefin meint, da muss was Schlimmes passiert sein. Sie hat in der Zeitung geschaut. Hat aber nichts gefunden. Ich freue mich immer wenn die Frau Merten kommt. Vielleicht erzählt sie mir irgendwann mal die ganze Geschichte. Wenn ich die Sandwiches und den Weißwein rauf bringe. Aber das geht mich ja eigentlich alles gar nichts an.

Zurück
Zurück

Das blaue Haus - Teil 1

Weiter
Weiter

Paul Auasenf