Das blaue Haus - Teil 1
Es ist wieder Dienstag. Dienstag ist ein guter Tag. Dienstag ist der Tag vor Mittwoch, dadurch wird er zu einem guten Tag. Ich blicke aus dem Fenster, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Es ist plötzlich kalt geworden und soll sogar schneien.
Was soll ich anziehen morgen. – ich überlege. Der neue taubenblaue Pullover mit dem kleinen Rollkragen soll mir sehr gut stehen. Alle sagen, er passt wunderbar zu meinen Augen und zu den blonden Haaren. Ob du das auch so siehst? Manchmal wüsste ich gerne, welche Farbe dir wohl gut steht und wie deine Augen mich ansehen.
Sehen, wie du mich ansiehst, nicht nur fühlen. Ich wende mich vom Fenster ab und suche den blauen Pullover.
Am nächsten Morgen ist es sonnig. Nach all der Zeit bin ich immer noch aufgeregt, jedes Mal. Für den blauen Pullover ist es zu warm also überlege ich neu. Es ist noch früh, ich bin rechtzeitig aufgestanden, ich habe meine Routine. Also besser pink an diesem Mittwoch und die Ohrringe mit Perlen. Ich weiß, du magst sie besonders. Ich weiß, wie die Dinger aussehen, welche Farben sie haben, auch wenn ich sie nicht mehr erkennen kann. Heute gehe ich zu Fuß, ich habe meinen kleinen Rollkoffer dabei. Auch das ist Routine, auf eine beruhigende und schöne Weise. Ich habe schon lange aufgehört, mir Fragen zu stellen. Wie lange möchte ich noch so weitermachen. Wie wäre es, wenn alles anders wäre, wenn alles „normal“ wäre. Wären wir noch zusammen ohne das Verbotene, ohne die Sehnsucht, die immer wieder wachsen kann, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag. Sind wir überhaupt zusammen, ja, mittwochs.
Ich bin zu früh, am Empfang kennen sie mich schon. Zimmer 427. Im Foyer steht die Luft, ich nehme die vertrauten grafischen Muster auf den Teppich und an den Wänden wahr, meine Orientierungspunkte auf dem blauen Teppich und den blauen Wänden. Darum sind wir hiergeblieben, ich mag blau. Es fühlt sich an, als wäre das Leben nach allen Seiten offen, als wäre alles möglich, überall Horizont. Das ist blau.
Mein Stock sucht die Aufzugtür. Im Flur oben kenne ich mich aus und finde 427 schnell. Ich schließe die Tür leise hinter mir und ziehe die Schuhe aus. Das Zimmer macht mich lächeln, und meine Füße versinken im blauen Teppich. Es duftet leicht nach Zitrone, ich öffne das Fenster und lasse noch ein wenig Leben von außen herein, bevor wir endlich alleine sind. Ich packe meinen Koffer aus, räume in den kleinen Schrank ein und ins Badezimmer, was ich brauche. Ich lege das Geschenk für dich auf dein Kopfkissen. Noch 1 Stunde. Ich bestelle beim Zimmerservice Sandwiches und eine Flasche Weißwein. Jetzt keine Störung mehr, ich lege alles in den Kühlschrank, zusammen mit deiner Lieblingsschokolade. Bald ist es Zeit.
Ich schließe das Fenster, die Vorhänge, die Augen. Jeden Moment. Es klopft. Mein Herz.
Am nächsten Morgen wecken mich Geräusche auf dem Flur. Mein Herz. Es klopft.
Der Duft des Raums hat sich verändert, ich atme tief ein und umarme die Erinnerung. Das Bett ist warm und ich taste nach deinem Geschenk. 30 Minuten später habe ich meinen Koffer gepackt und schließe die Tür leise wieder hinter mir. Heute trage ich schwarz. Die Mitarbeitenden des Blauen Hauses grüßen mich sehr freundlich. Sie sind immer sehr freundlich, auch am Donnerstag. Vor der Tür erwartet mich ein Asphalt, der nicht flüstert. Zu laut, zu viel, zu grell. Ich überquere rasch die Straße. Nur 200 m geradeaus, mein Rollkoffer biegt auf den Schotterweg ein und es wird still. Friedhöfe sind wirklich grüne Oasen mitten in der Stadt. Ich finde es nicht mehr alleine, aber meine Beschreibung ist gut und eine Frau führt mich. Meine Hände finden den kalten Stein, und ich lege das Geschenk für dich darauf. Bis nächsten Mittwoch, sage ich leise und gehe in die Welt zurück.