Elfriede
Elfriede Schifferstein verlässt das Haus an diesem Mittwoch sehr zeitig. Jeden Tag der gleiche Weg. Aber gerade macht es ihr besonders viel Freude – darum ein bisschen mehr Zeit einplanen bis zur Bushaltestelle. Sie summt leise vor sich hin. Eigentlich hat sie immer eine Melodie im Kopf. Oft weiß sie nicht, woher sie kommt, manchmal sind es bekannte Stücke aus dem Radio. Oder es ist etwas selbst Erdachtes – besser, etwas selbst Erfühltes. Schließlich ist Musik etwas Sinnliches. - Musik war immer wichtig für sie gewesen, sie hätte gerne ein Instrument gelernt. Aber als sie ein Kind war, gab es keinen Platz für solche Flausen. Die Mutter hatte ihr schon früh gesagt, was für ein Mädchen wichtig zu lernen ist. Ein Instrument gehörte nicht dazu... Elfriede Schifferstein summt und biegt auf die Straße ein, die am Schlossweiher entlangführt. Endlich Frühling, denkt sie. Die verschiedenen Büsche, Sträucher und Blumen, die Beete, an denen sie vorbei geht, sind für sie wie ein Klangteppich. - Sie hatte vor kurzem etwas darüber gelesen, dass es Menschen gibt, die Musik als Farben erleben. Den Begriff hatte sie wieder vergessen, aber sie verstand genau. Für sie waren Düfte wie Töne. Schwere, samtige Düfte wie tiefe Noten und Klänge in Moll. Oder leichte luftige Düfte, die vielleicht an Flötenspiel erinnern. An hohe, kurze Klänge. Die Düfte tanzten durch die Luft und Elfriede Schifferstein versank in ihrer Welt. Ja, es gibt eine Bezeichnung dafür… Ihr Heinz hatte sich nie mit dem Internet beschäftigt, das war ihm alles sehr unheimlich gewesen. Aber sie hatte sich früh ran getraut, zumindest an die Suchmaschinen – eine nie versiegende Quelle an Wissen. Elfriede Schifferstein war immer sehr wissbegierig gewesen, aber mit der Schulbildung war es nicht weit her. Anderes war wichtiger, und dann kam Heinz, bald die Kinder. Eine normale Geschichte ihrer Generation. Heute war so vieles anders, nicht nur die Sache mit dem Internet. Heinz gefiel das nicht... Im Schlossweiher gibt es jetzt kanadische Wildgänse. Sie sind hübsch, findet Elfriede, aber sehr laut. Eine invasive Art – sie hatte das im Internet nachgelesen. Ist doch schön, denkt sie und beobachtet die Gänse auf dem Wasser. Der Strauch, an dem sie gerade vorbeigeht, hat eine schwere, melancholische Süße, wie ein trauriges Lied von Abschied. Und Verlust. Aber Elfriede ist heute nicht traurig… Da ist schon die Bushaltestelle und in diesen Tagen bilden die Äste des Kirschbaums mit den rosapinkfarbenen Blüten ein Dach über der Straße. Elfriede denkt an ein Kinderlied, eins, das heute niemand mehr singt und sie hat den Text vergessen. Sie vergisst viel in letzter Zeit. Aber die wichtigen Dinge nicht. Zum Beispiel wann der Bus fährt, 15:33 Uhr. Und dahinten kann sie ihn schon sehen. Ob Lina heute wieder an ihrem Stammplatz sitzt? Elfriede Schifferstein steigt wie immer vorne ein und begrüßt den Busfahrer. Natürlich kennt er sie, und manchmal ringt er sich ein Lächeln ab. Heute nicht. Elfriede setzt sich in die zweite Bank mit freiem Blick durch die Windschutzscheibe. Wo ist Lina heute? Mittwochs und freitags ist sie um diese Zeit auch im Bus und fährt bis zum Goetheplatz mit. Sie war Elfriede aufgefallen, weil sie immer einen Geigenkasten dabeihatte. Elfriede hätte ja am liebsten Klavier gelernt, Geige wäre auch wunderbar gewesen. Aber gut, es waren eben andere Zeiten. Elfriede trauerte mutmaßlich verpassten Gelegenheiten prinzipiell nicht hinterher. Das Leben war gut zu ihr gewesen, nur Heinz musste etwas zu früh gehen, so dachte sie... Ihre Handtasche rutscht vom Schoß und fällt auf den Boden. Da war sie doch fast ein bisschen eingenickt. Ein paar Sachen haben sich auf dem Boden verteilt und ein hinter ihr sitzender Mann hilft beim Einsammeln. Elfriede schätzt Hilfsbereitschaft und Höflichkeit sehr, bedankt sich freundlich. Dabei fällt ihr ein, dass Schulferien sind. Deshalb ist Lina nicht im Bus. Kein Geigenunterricht während der Ferien. Das beruhigt Elfriede Schifferstein, und sie setzt sich wieder entspannt auf ihren Platz. Wenn es möglich war – und um diese Zeit war der Bus meistens nicht voll, und daher war es möglich – setzte sie sich vorne, mit freiem Blick auf die Straße hin. Sie liebte es, den hektischen Verkehr zu beobachten, ohne etwas tun zu müssen. Der Busfahrer kümmerte sich. Er wusste Bescheid, er wirkte, als hätte er alles im Griff, und Elfriede saß wie im Kino und fragte sich, wohin all diese Menschen bloß unterwegs waren. Auch das war so anders als früher. Diese Rastlosigkeit. Sie hatte nie einen Führerschein gemacht. Heinz schon, aber gerne gefahren war er nie. Zur Arbeit, zum Einkaufen, später zu den Kindern. Aber ins Blaue für einen Ausflug? Nein. Da fuhren sie mit dem Zug, auch in den Urlaub... Elfriede summt wieder vor sich hin und starrt wie hypnotisiert auf die roten Rücklichter vor sich. Jetzt fängt es doch tatsächlich an zu regnen und die Tropfen trommeln heftig gegen die Scheiben. Ob so ein Geigenkasten wohl wasserdicht ist, fragt sie sich. Gut, dass Lina nicht Klavier spielt. Ein Klavier kann man nicht einfach so in der Gegend herum tragen zum Unterricht. Vielleicht würde sie ihr mal etwas vorspielen, das wäre schön. Die Stimme des Mannes in der Reihe hinter ihr schreckt sie aus ihren Gedanken. „Was machen Sie denn – da hätten sie gerade links abbiegen müssen!“ Der Mann klingt sehr überrascht, und auch Elfriede sieht erstaunt, dass sie jetzt den Fluss überqueren. Mit dieser Linie überqueren sie nie den Fluss. „Sie fahren ja völlig falsch!“ auch andere Fahrgäste werden jetzt unruhig. Im Gegensatz zu dem Busfahrer, der nach wie vor entspannt scheint. Summt er nicht sogar vor sich hin? „Da habe ich wohl einen Fehler gemacht“, sagt er und lacht. Elfriede überlegt, ob sie die Melodie kennt. Der Mann hinter ihr ist aufgebracht. „Ich habe einen Termin! Wie soll ich denn pünktlich dahin kommen?“ Elfriede staunt nicht schlecht. Die Straßen, durch die sie fahren, erinnern sie an Wien – die Gebäude, die Ringstraße? Ihre Hochzeitsreise hatten sie nach Wien gemacht, vor fast 60 Jahren. Und sieht der Busfahrer nicht ihrem Heinz sehr ähnlich? Sowas hätte ihm auch passieren können, aber er hätte den Fehler nicht direkt eingesehen. Erst mal weiterfahren. Und ähnlich hält es auch der Busfahrer – erst mal weiterfahren. Vielleicht erledigt sich ja alles von selbst. Unwahrscheinlich, denkt Elfriede, aber sie will Heinz doch in Schutz nehmen gegen die anderen Leute. „Ach, der ist doch ein Profi“ ruft sie in den Bus hinein. „Er wird das schon regeln. Wir können doch sowieso draußen gerade überhaupt nichts machen. Seht euch nur diesen Regen an, hört ihn euch an. Wir sollten es uns lieber hier gemütlich machen mit ein bisschen Musik.“ Elfriede steht auf und fängt an zu singen. Und da ist ja auch Lina mit ihrer Geige. Wie hatte sie sie nur übersehen können? Egal. Elfriede singt, Lina spielt, die anderen Fahrgäste sehen sich ratlos an – die Erste fängt an zu lächeln und zu summen. Immer mehr Leute schließen sich an. Elfriede war gar nicht aufgefallen, dass der Bus heute so voll war. Der Chor schwillt an. Erst zögerlich, dann offensichtlich mit viel Freude. Der Busfahrer lacht und ruft: „Ich drehe noch eine Runde!“ Jetzt steht Heinz vor ihr: „Darf ich bitten?“ Elfriede merkt, wie sie errötet – aber natürlich darf er bitten. Im Takt der Musik wiegen sie sich hin und her, der Gesang, die Geige. – sie und Heinz drehen sich immer schneller und schneller. Der Busfahrer applaudiert, und es duftet plötzlich nach Flieder und Maiglöckchen. Kurz denkt sie, dass es nicht so gut ist, wenn der Busfahrer die Hände nicht am Steuer hat. Aber auch das ist egal. Was sollte Ihnen passieren? Heinz sieht heute besonders gut aus und sagt: „ …. “ – Elfriede hört im Hintergrund, wie ihre Handtasche erneut zu Boden fällt. „Warten Sie, ich helfe Ihnen wieder beim Aufsammeln,“ sagt die Stimme von Heinz. Aber nein, es ist nicht die Stimme von Heinz, der sitzt doch hinter dem Steuer, oder? Es ist die Stimme des Mannes, der in der Reihe hinter ihr sitzt. „Kann passieren“ sagt er, „ich glaube Sie sind eingeschlafen“, er zwinkert ihr zu und meint „jetzt muss ich aussteigen. Einen angenehmen Tag noch und passen Sie gut auf sich auf.“ Elfriede reibt sich verwirrt über das Gesicht und blinzelt mit den Augen. Die roten Rücklichter. Das monotone Geräusch des Regens. Der Busfahrer meint: „Noch zwei Haltestellen, dann sind Sie am Ziel.“ Alles war in Ordnung, alles in der Reihe, alles im Plan. Elfriede lächelt. Sie war kurz – leider nur kurz – aus der Zeit gefallen. Es hatte sich so echt angefüllt, aber da haben ihr die Sinne wohl einen Streich gespielt. Einen sehr schönen. Elfriede Schifferstein summt vor sich hin, es war nun Zeit auszusteigen.